„Nur in Frieden leben“

Jeder spricht über Flüchtlinge. Doch was haben sie zu sagen, wenn man mit ihnen spricht? Raffael hat Nuri und Walàa aus Syrien im oststeirischen Passail für checkit interviewt.

Im Ortskern von Passail – einer etwas verschlafenen Marktgemeinde zwischen Weiz und Frohnleiten – liegt das ehemalige „Tautscher-Pensionshaus“. Es hat seine besten Tage hinter sich, ist aber ganz gut erhalten. Jedenfalls besser als jedes zerbombte Gebäude in Syrien. Denn anstatt von Urlaubsgästen sind hier und in zwei Nachbargebäuden seit März cirka 40 Flüchtlinge untergebracht: junge Männer, Frauen und Kinder, die großteils aus dem Nahen Osten stammen und von der Caritas betreut werden.

Nuri: „Wenn du in Syrien bleibst, kannst du einfach tot sein“

Nuri Abda aus Syrien ist einer von ihnen. Seit neun Monaten lebt der 26-jährige BWL-Absolvent in Österreich und beherrscht die deutsche Sprache inzwischen erstaunlich gut. Nur Steirisch kann er nicht. „Bitte Hochdeutsch!“ ist das Erste, was er sagt, wenn er im Passailer Dialekt angesprochen wird. Hier wartet er auf seinen positiven Asylbescheid. Erst dann kann Nuri seine Frau, die in Istanbul auf ihn wartet, nach Österreich holen. Eigentlich ist Nuri recht gesprächig, doch wenn er auf den Zustand in seiner Heimat angesprochen wird, kommt er ins Stocken.

Nuri Abda mit Kilian Windisch
Wie geht’s dir hier in Passail?
Passail gefällt mir gut, die Leute sind sehr nett und helfen uns. Wir sind hier glücklich, doch unsere Familien sind weg, weit weg. Und die Zeit ist immer sehr lang, wir können nicht mehr warten.

Deiner Frau geht es in Istanbul gut?
Ja, sie ist bei ihrer Familie. Mein Problem ist nicht so groß, aber wir haben andere Familien hier in der Pension, deren Kinder in Syrien sind. Das ist das Problem.

Was machst du jetzt in Österreich?
Ich warte auf mein Interview*. Mein Plan ist, dass ich noch mehr Deutsch lernen will. Dann will ich mein Studium nostrifizieren lassen und mit meinem Zertifikat arbeiten.

Wie geht’s dir mit dem Deutschlernen? Dein Deutsch ist recht gut.
(Lacht). Anfangen ist schwer, aber wir müssen. Wir können nicht ohne Deutsch leben – hier in Österreich, in Deutschland oder in der Schweiz.

Was machst du so den ganzen Tag?
Ich hab schon gesagt, Deutsch lernen. Aber wir kochen auch und haben andere Aktivitäten: Wir gehen spazieren, spielen Fußball und arbeiten. Jeden Monat dürfen wir, glaube ich, 30 bis 40 Stunden (für die Gemeinde, Anm.) arbeiten.

Wie wird es deiner Meinung nach in Syrien weitergehen?
Es ist alles zerstört und kaputt. Die Probleme werden größer. Ich glaube, wir haben da keine Hoffnung. Wir können nicht daran denken.

Nuri zeigt seine Heimat auf einer Karte
Würde es etwas bringen, wenn die NATO, die USA eingreifen würden?
Ich glaube, es geht nicht nur um die USA, denn wir haben so viele Politiker. Wir haben Russland, China und den Iran. Es ist so kompliziert, ich kann nicht daran denken. Ich habe es mit meinen Augen gesehen: Wir haben den „Islamischen Staat“. Er ist in Syrien sehr gefährlich. Er wird immer größer und niemand kann „Stopp“ sagen.

Manche Österreicher/innen haben Angst, weil so viele Flüchtlinge da sind. Was sagst du denen?
Ich glaube, sie sind auch Menschen, sie können mit uns fühlen. Wenn du in Syrien bleibst, kannst du einfach tot sein. Deshalb brauchen wir ein anderes Land, um zu bleiben. Wir kommen nicht hierher, um zu sitzen oder zu schauen. Wir können lernen, wir können vieles gut machen. Die Leute sollten auch daran denken. Ich weiß, das ist schwer, aber wir haben keinen anderen Weg.

Walàa: „Alles, was ich will, ist, in Frieden zu leben“

Auch die 24-jährige Englischstudentin Walàa Ayoup – ebenfalls aus Syrien – lebt seit ihrer Flucht, die zwei Monate gedauert hat, zusammen mit ihrer Tochter Julia (2) im Passailer Flüchtlingsquartier. Deutsch kann sie noch nicht, ist sie doch erst seit drei Monaten in Österreich und wartet auf ihren Asylbescheid – ihr Ehemann harrt derweil im Libanon aus. Die Stimmung ist gedämpft, man merkt ihr an, dass sie alles verloren hat. Viele Worte kommen ihr nicht über die Lippen, dennoch bleibt sie stets höflich und zuvorkommend.

Walaa mit ihrer Tochter
Wie gefällt es dir hier?
Mir gefällt es hier sehr gut. Alle sind sehr nett.

Was vermisst du aus deiner Heimat?
Ich vermisse meinen Mann und auch meinen Vater. Es ist sehr schwierig für uns.

Seid ihr in Kontakt?
Ja. Aber nur am Telefon, das ist nicht genug.

Was ist mit deiner Familie?
Ich habe nur eine Schwester in Syrien, meine ganze Familie ist hier in Österreich.

Seid ihr hier zusammen in Passail?
Nein, meine Mutter, meine Brüder und zwei meiner Schwestern sind in Wien.

Was machst du hier in Östereich?
Ich bin wegen meiner Angst vor dem Krieg da. Wenn ich mein Interview* gehabt habe und nach Wien gehe, möchte ich Deutsch lernen, mein Studium abschließen und meinen Ehemann hierherbringen.

Wie ist es, hier mit den anderen zu leben?
Wir alle sind hier wie eine Familie.

Gibt es viele kulturelle Unterschiede zwischen Österreich und Syrien?
Ja natürlich. Alle haben viele Schwierigkeiten, wenn sie hierherkommen. Aber mit der Zeit wird das normal und es ist okay.

Magst du die Österreicher?
Ja. Alle hier haben ein gutes Herz und sie helfen uns.

Wie geht es dir mit deiner kleinen Tochter?
Alle hier helfen mir damit. Das macht keine Sorgen. Als wir angekommen sind, sagte sie: „Ich will zu Papi, ich will zu Papi.“ Aber mit der Zeit hat sie sich an all die Leute und daran, hier zu leben, gewöhnt.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Alles, was ich will, ist, in Frieden zu leben. Ohne Blut, ohne Schuld. Und das bestmögliche Leben für meine Familie und mich. Nur das.

RAFFAEL REITHOFER

* Befragung durch das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) im Rahmen des Asylverfahrens.

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