Mission Griechenland: Julias dritter Brief

Julia Eder aus unserer Jugendredaktion reiste im Herbst 2015 nach Griechenland, um ein Jahr lang für die Ärmsten der Armen da zu sein (wir berichteten). Nach Brief eins und Brief zwei erreichte uns der dritte Brief, in dem sie ihre Erlebnisse schildert und über ihre Gefühle schreibt …

Liebe Familie, liebe Paten, liebe Freunde!

Hoffnung ist die Fähigkeit,
die Musik der Zukunft zu hören.
Glaube ist der Mut,
in der Gegenwart danach zu tanzen.

In diesem Patenbrief starte ich mit einem Gedicht von Peter Kuzmia, das mich sehr berührt hat. Darin werden zwei christliche Werte definiert, die Hoffnung und der Glaube. Die Hoffnung ist genauso wie der Glaube eine der drei christlichen Tugenden, von denen Paulus im ersten Brief an die Thessalonicher schreibt. Die gesamte Bibel ist gefüllt von lebendiger Hoffnung. Auch und vor allem diese Zeit nach Ostern. Nachdem Jesus am Kreuz starb, blieben die Jünger alleine und verängstigt zurück. Als sie das Grab leer fanden, wuchs in ihnen die Hoffnung auf seine Auferstehung. Der Glaube lebt durch die Hoffnung. Nach Jesu Auferstehung, begegnete er den Jüngern, nicht jedoch Thomas. Dieser wollte nicht an die Auferstehung glauben, bis er Jesus selbst sah und in seine Wunden hineingefasst hatte. Thomas hatte nicht genug Glaube, um den Jüngern zu vertrauen. Im Evangelium nach Johannes sagt Jesus über den Glauben zu Thomas: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

In den vergangenen Monaten spielten Hoffnung und Glaube eine große Rolle für unsere Freunde, aber auch für unsere Gemeinschaft, weshalb ich in meinem dritten Patenbrief darauf Bezug nehmen möchte. Auch wenn es manchmal etwas länger dauert, Gott vergisst uns und unsere Gebete nicht. Diese Gnade haben wir besonders bei unserem kleinen Sorgenkind David (Großes Foto: Weronika und David bei unserem Besuch nach der Operation) erleben dürfen. Vor zwei Wochen wurde er an seiner Lunge operiert. Mehr als 20 Stunden verbrachte der kleine Kämpfer im Operationssaal. Am nächsten Tag berichtete uns seine Mutter Victorine überglücklich, dass David die Operation gut überstanden hatte, keine Komplikation! Uns fiel ein Stein vom Herzen. Nach einer Woche, in der David speziell betreut werden musste, durften wir ihn letzte Woche endlich besuchen. Er war zwar müde und erschöpft nach dem anstrengenden Eingriff, lächelte uns aber schon von weitem entgegen. Ein Lächeln der Hoffnung, jetzt wird alles besser! Am vergangenen Freitag hatte David seinen dritten Geburtstag. Wenn ihr diesen Brief lest, hat er das Krankenhaus bereits verlassen und kann nun in ein neues, gesundes, glückliches Leben starten.

Hoffnung auf ein neues Leben

Die Hoffnung ist es auch, die so viele Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen. Die Hoffnung auf Sicherheit und Wohlstand, auf ein besseres Leben ohne Hunger, Krieg und Armut. Sie haben alles verlassen, was ihnen wichtig war, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Wir begegnen ihnen nun mehr und mehr. Es sind Syrer, Afrikaner, Afghanen und Pakistaner. Die Flüchtlingslager am Hafen und außerhalb der Stadt, die von Hilfsorganisationen unterstützt werden, beherbergen meist nur Syrer. Die restlichen Flüchtlinge versuchen, es auf eigene Faust zu schaffen und enden oft im Gefängnis, weil sie keine Papiere haben. In diesen Gefängnissen mangelt es an allem. Im Winter gab es weder Heizung noch Decken, viele haben nicht einmal Schuhe. Seit gut zwei Monaten bringen die Mutter-Teresa- Schwestern montags Lunchpakete und Hygieneartikel, denn der Staat hat keine Mittel, um die Häftlinge zu versorgen. Die Gefängniswärter selbst haben die Schwestern kontaktiert, weil sie das Elend nicht mehr länger ertragen konnten. In diesen Gefängnissen befinden sich alle Flüchtlinge, die das Land illegal betreten haben. Darunter 13-jährige Kinder. Hier werden wir zu Hoffnungsträgern, die das Nötigste bringen, oft auch nur ein liebes, tröstendes Wort.

Es ist nicht einfach, die Hoffnung unter solchen Umständen aufrechtzuerhalten. Die Flüchtlinge verlieren sie auf ihrem Weg nach Europa Stück für Stück. Viele Menschen verlieren sie auf ihrem Lebensweg, nach langen Jahren der Krankheit, Armut und Enttäuschung. Die Hoffnungslosigkeit trieb sie in die Abhängigkeit. Alkohol, Drogen, Zigaretten. Hier in Athen ein großes Problem. Jeden Sonntag bringen wir mit den Schwestern von Mutter Teresa von Kalkutta Sandwiches und Kakao in den Alexandra’s Park, einen relativ neuen Park im Zentrum von Athen. Seit geraumer Zeit hat sich hier ein Camp von Drogenabhängigen und Obdachlosen aufgebaut. Nun siedeln sich auch Flüchtlinge im Park an und beginnen, Drogen zu konsumieren. Es sind vor allem Afghanen und Pakistaner, die im System durchrutschen. So wird das Camp größer und größer. Vor zwei Wochen schlug die Polizei die Behausungen der Menschen, die dort lebten, nieder. Dadurch hat sich die Situation jedoch nur noch verschlimmert.

Wenn wir den Drogenabhängigen das Essen übergeben, versuchen wir, auch ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Viele sind nicht ansprechbar, torkeln nur herum, sprechen wirr und verschütten den heißen Kakao über sich selbst, ohne es überhaupt zu bemerken. Die Hoffnungslosigkeit, die dort herrscht, scheint greifbar zu sein. Nach diesem Apostolat spricht kaum jemand ein Wort. In diesen Momenten gibt mir Gott spürbar Kraft, um alles zu verarbeiten. Danach geht es mir besser und ich kann mit meinen Gemeinschaftsgeschwistern das Erlebte besprechen.

Vor ungefähr drei Wochen hatte ich dort zwei schöne Erlebnisse. Ich sprach mit einem Mann über meinen Glauben. Er hatte jegliche Hoffnung auf einen guten Gott verloren und erzählte mir von seinem Gefühl, dass Gott nicht da war. Ich versuchte ihn zu überzeugen, dass Gott ihm nahe war, dass er ihn liebte und nur darauf wartete, ihn zurück in seine Gegenwart zu holen. Er antwortete mir nur, dass Gott ihn bestimmt nicht liebte. Ich antwortete ihm wie automatisch, dass Gott ihn nicht aufgegeben hatte und nie aufgeben würde und sagte ihm, dass er mich womöglich an diesem Tag zu ihm geschickt hatte, um ihn von Gottes Liebe für ihn zu überzeugen. Der Mann hatte keine Antwort darauf gewusst, als wir ins Auto stiegen, rief er mir hinterher. „Ja, vielleicht hat Gott dich ja geschickt“. Nach diesem Treffen habe ich ihn nicht wieder gesehen.

Am selben Tag gab einer der Männer den Schwestern ein kleines Ikonenbild von einem griechischen Heiligen. Sie gaben es an uns weiter und ich behielt es. Als wir später in das Camp gingen, um die letzten Sandwiches und den Kakao zu verteilen, sah ich einen jungen Mann, der uns beobachtete. Er wirkte niedergeschlagen und voller Traurigkeit. Mit dem heißen Kakao gab ich ihm auch das kleine Heiligenbild. Er betrachtete es kurz und steckte das Bild dann in seine Jackentasche. Diese beiden Begegnungen mögen bedeutungslos erscheinen, doch für mich sind sie kleine Zeichen der Hoffnung an einem so hoffnungslosen Ort, für die ich Gott immer dankbar sein werde.

Eines der besten Beispiele, warum wir die Hoffnung niemals aufgeben dürfen, ist Sonja, eine unserer Freundinnen. Sie wurde in Südafrika geboren, ist aber Europäerin. Mit ungefähr 20 Jahren verliebte sie sich während eines Griechenlandurlaubes in einen Griechen und beschloss, hier zu bleiben. Sie hat eine Scheidung, einen Selbstmordversuch und einen Schlaganfall hinter sich. Seitdem ist sie halbseitig gelähmt und massiv eingeschränkt. Dieser Schlaganfall und seine Folgen machten Sonja zur Alkoholikerin. Besonders ihre Abhängigkeit von anderen Menschen macht ihr zu schaffen. Die Sozialhilfe in Griechenland ist sehr gering, weshalb Sonja sich nur ein kleines Apartment im Keller leisten konnte, welches feucht und voller Schimmel war. Das eine kleine Fenster ging in den Innenhof hinaus, weshalb sie kaum frische Luft hatte. Seit 20 Jahren sprach sie davon, aus ihrem „Kellerloch“ zu kommen, wie sie ihre Wohnung nannte. Sie hatte sogar Ratten. Kurz vor Weihnachten dann zog sie tatsächlich aus. Ihre neue Wohnung befindet sich im dritten Stock und hat sogar einen Balkon. Keine Feuchtigkeit, kein Schimmel. Sonja ist glücklich. Immer wieder hat sie von ihrem harten Schicksal gesprochen, mit ihrem Körper gehadert, und sich den Tod herbeigewünscht. Doch in ihrem Herzen hat Sonja die Hoffnung nie aufgegeben und zu Gott gebetet. Für mich ist sie eine Inspiration, wie man unter solchen Lebensumständen noch die Hoffnung und den Glauben bewahren kann.

Weronika_Ines_400

Julia (Mitte) mit Weronika aus Polen (links) und Ines aus Frankreich

Drei Mädchen in neuer Gemeinschaft

In unserer Gemeinschaft haben wir einen großen Wechsel hinter uns. Im Jänner hießen wir eine neue Volontärin aus Frankreich willkommen, Ines. Im Februar beendeten unsere beiden ukrainischen Schwestern Albina und Marichka ihre Mission, im März verabschiedeten wir uns von Irenee, unserem französischen Gemeinschaftsbruder.

Nun sind wir drei Mädchen und hoffen, dass wir in Kürze Verstärkung bekommen.
Auf das Osterfest freuen wir uns noch. In Griechenland feiern wir Katholiken gemeinsam mit der orthodoxen Kirche Ostern, weil es viele katholisch-orthodoxe Familien gibt, die dieses wichtigste christliche Fest gemeinsam verbringen wollen. Die Fastenzeit hat bei uns am 16. März begonnen, Ostern feiern wir am 1. Mai. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, Ostern zu einem anderen Zeitpunkt zu feiern als ihr, andererseits gibt es uns aber auch die Möglichkeit, in eine andere Kultur und Tradition einzutauchen und ein einzigartiges Osterfest zu erleben.

Euch, meinen lieben Freunden und Paten, wünsche ich frohe und gesegnete Ostern, Χριστός ανέστη! Christus ist auferstanden!

Herzliche Grüße aus Athen,
eure Julia

PS: Im Internet unter spititiskardias.jimdo.com könnt ihr unseren Blog besuchen, wo wir laufend Fotos von unseren Freunden und Aktivitäten posten. Schaut euch doch mal um!

>>> Nachlesen: Brief eins

>>> Nachlesen: Brief zwei

>>> Nachlesen: Brief drei

>>> Nachlesen: Brief vier

>>> Nachlesen: Brief fünf

>>> Nachlesen: Brief sechs

 

Alle Fotos: Julia Eder

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